VON: KUBILAY DEMIRKAYA
Eine fiktionale Geschichte, die dazu geeignet ist, in Augen mancher orthodoxer Muslime, Vorurteile zu manifestieren.
In der Tatort-Folge „Wem Ehre gebührt“ wurden verschiedene negative Stereotype über Aleviten dramaturgisch behandelt mit der Aleviten innerhalb orthodox-sunnitischen Mehrheitsgesellschaft in der Türkei und in der sunnitisch-türkischen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland konfrontiert sind.
Gedächtnisprotokoll:
1. Gebetszene:
a: Die vom Vater missbrauchte Tochter betet nach der Konvertierung zum sunnitischen Islam. Der alevitische Vater betritt das Zimmer und versucht während des Gebetsrituals der Tochter ein Gespräch mit ihr zu führen. Er bedrängt die Tochter, die sich wiederum als gute Muslima nicht vom Gebet abringen lässt.
b: Die Kommissarin kommt nach Hause. Beim Betreten des Zimmers sieht sie, dass die missbrauchte Tochter am beten ist. Die Kommissarin, die nach der Wahrnehmung der sunnitischen Zuschauer Christin ist, schließt leise die Tür und vermeidet es das Gebet zu stören.
Erklärung:
Die Aleviten wurden im osmanischen Reich als Herätriker, Ungläubige und Unreine verfolgt. Christen und Juden waren den Moslems gegenüber unterprivilegiert, genossen aber als Angehörige einer monotheistischen Religion ein Existenzrecht. Sie waren Gläubige, die an den selben Gott glaubten.
In der oben beschriebenen Szene tritt der alevitische Vater als Angehöriger einer nicht monotheistischen Religion respektlos gegenüber dem Gebetsritual der Tochter auf. Die Kommissarin hingegen, die offenkundig einer monotheistisch-christlichen Religion angehört hat Respekt vor dem Gebetsritual der Tochter. Sie stört die betende nicht.
Die Botschaft dieser Szenen ist in der Wahrnehmung der orthodoxen Moslems wie folgt: Angehörige der nicht monotheistischen Glaubensgemeinschaft, wie z.B. die Aleviten (also Unreine), haben kein Respekt davor, wenn Gläubige (Reine) zu Gott beten.
Angehörige einer monotheistischen (z.B. christlichen) Religionsgemeinschaft haben, obwohl diese keine Moslems sind, Respekt vor dem Gebet der Moslems.
Die Tatsache, dass die Kommissarin im Film nicht explizit als Christin benannt wird ist nebensächlich, da i.d.R. in Augen der Muslime die Deutschen Christen sind.
Die Tatsache, dass der Vater nicht explizit als Alevit erklärt wird ist ebenfalls nebensächlich, da eine alevitische Tochter nur von einem alevitischen Vater stammen kann. Man kann i.d.R. nicht zum Alevitentum konvertieren. Das Alevitentum kennt keine Missionierung.
2. Schweinefleischszene:
Der türkischstämmige Kommissar ist in der Kantine und isst Schweinefleisch.
Erklärung: Es ist richtig, dass die Aleviten kein Schweinefleischverbot kennen. Insofern ist diese Szene nicht anrüchig. Allerdings ist die Tatsache, dass Aleviten Schweinefleisch essen, in den Augen der Muslime eine Beleg für ihre Unreinheit. Muslime benutzen diese Tatsache um öffentlich Aleviten als Unreine und Ungläubige zu „outen“. Gegen diesen Vorwurf können sich die Aleviten nicht wehren, da es stimmt. Schweinefleisch zu essen ist ein Umstand, der in der islamischen Welt negativ besetzt ist. Aleviten sind diesem Vorwurf machtlos ausgeliefert, weil es keine Verleumdung ist.
In dieser Szene wird dass Alevitentum, wie im realen Leben der Aleviten, auf das essen von Schweinefleisch.
3. Inzestszene:
Bei dem alevitischen Vater der Tochter handelt es sich nicht um einen Pädophilen, der sein Kleinkind missbraucht. Der Vater und die Tochter haben eine Beziehung. Die Tochter scheint im Erwachsenenalter zu sein. Nach dem die Tochter den Vater abweist und dies mit ihrer Konvertierung zum Islam durch ihre Verschleierung kenntlich macht, versucht der Vater die Tochter in Anwesenheit der Mutter mit Geschenken zurückzugewinnen. Die alevitische Mutter reagiert auf den Vater nicht mit entsetzten, sondern nach dem Motto: „Nun lass die Tochter endlich in Ruhe“.
Erklärung: Die Szene macht deutlich, dass es sich hier um eine inzestuöse Beziehung zwischen Vater und Tochter handelt und nicht um eine Vergewaltigung. Der Vater versucht seine Liebesbeziehung zu retten. Die Mutter reagiert wie eine Mitwisserin, die diese Vater-Tochter Beziehung duldet. Dies ist das jahrhundertalte Stigma mit der Aleviten bis in heutige Zeit konfrontiert sind. Den Aleviten wurde der Glaube damit aberkannt. Den Aleviten wurde vorgeworfen im Rahmen ihres Gebetrituals Familienorgien zu veranstalten. Der Grund war, dass bei Aleviten im Gegensatz zu Moslemd, Frauen und Männer nicht getrennt beten. Familien (Vater, Mutter, Tochter, Enkelkinder, usw.) beten, wie bei Christen, gemeinsam Mit anderen Worten war die zeremonielle Zusammenkunft der Aleviten zum Gebet der Auftakt zu einer Familienorgie. Trotz des Existenzraubendes Stigmas habe Aleviten Frauen und Mädchen das gemeinsame Gebet nicht verwährt.
4. Konvertierungsszene:
Die alevitische Tochter konvertiert zum Islam um Schutz vor ihrem alevitischen Vater zu finden. Sie verschleiert sich und fängt an nach den orthodoxen Regeln des Islam zu leben.
Dies gibt ihr die Kraft ihren Vater abzuweisen und sich zu wehren. Sie nimmt nicht mehr am Alevitischen Gebet, der Orgie, teil, da Sie ja alleine oder in der Moschee bete, wo Männer und Frauen „glücklicherweise“ getrennt sind.
Ergänzungen:
5. Sendedatum des Films: 23.Dezember
Der Film wurde am 23.12.2008 ausgestrahlt. Am Tag, an der sich das Massaker an Aleviten in der türkischen Stadt Maras zum 29. Mal gejährt hat. Der 23.12.1978 markiert den Beginn eines dreitägigen Massakers türkischer Islamisten und Mitgliedern der Grauen Wölfe. Hunderte Aleviten wurden in ihren, zuvor kenntlich gemachten Häuser, massakriert. Die Mörder verschonten weder Kinder noch Frauen. Einer der Kampfrufe war: „Aleviten schlafen mit ihren Töchtern und Geschwistern. Sie verdienen es nicht zu leben.“
6. Filmpremiere:
Es ist interessant zu wissen, ob Vertreter der türkischen orthodox-islamischen Mehrheitsgesellschaft der Frau Maccarone beratend zur Seite standen und welche Quellen Frau Maccarone für ihre Recherchen herangezogen hatte?
Wie wir erfahren haben, gab es wohl eine Filmpremiere an der ca. 500 Gäste, mitunter türkische Medienvertreter und türkische Migrantenverbände anwesend waren. Vertreter der türkischen Botschaft sollen auch anwesend gewesen sein. Diese sollen den Film „toll“ gefunden haben. Die Alevitische Gemeinde war weder eingeladen noch eingeweiht.
Es ist interessant, dass türkische Medien und womöglich türkische Staatsbedienstete, die diesen Film jetzt „kritisieren“, zuvor applaudiert haben.
Bei so vielen Zufällen und suspekten Zusammenhängen fällt es uns ausgesprochen schwer uns nicht vorzustellen, dass es sich hierbei um mehr als um eine zufällige und fiktionale Geschichte handelt. Wir sind der Überzeugung, dass die NDR und auch die Autorin nicht vorsätzlich gehandelt haben.
Es besteht aus unserer Sicht allerdings hinreichende Indizien, dass Dritte Vorschub für die Abhandlung „Wem Ehre gebührt“ geleistet und diesen Film mit diesen Stereotypen herbeigeführt haben.
Die Autorin kann aus unserer Sicht dieses Drehbuch nicht alleine entwickelt haben.
Türkischstämmige Personen mit entsprechendem Hintergrundwissen und interreligiösen Kompetenz müssen mitgewirkt haben. Es ist nur sehr schwer vorstellbar, dass diese Personen das Stigma „Inzest“ bei Aleviten nicht kannten.
In Hoffnung Ihnen behilflich gewesen zu sein und das Sie uns behilflich sein werden verbleibe ich
Mit freundlichen Grüssen
Ihr Kubilay Demirkaya
Pressereferent
Büro des Generalsekretärs
Alevitischen Gemeinde Deutschland