VON: DR. ASKIM MÜLLER-BOZKURT
(Dieser Vortrag wurde am 27.04.07 in der Alevitischen Gemeinde Deutschland gehalten.)
„Ohne Bildung geht man den Weg in die Finsternis“ heißt ein alevitisches Sprichwort. Dies trifft in Anlehnung an dieses Sprichwort auch auf die Kenntnis bzw. Unkenntnis über fremde Kulturkreise zu.
Im Rahmen des Vortrags wird versucht, einen kurzen Überblick über die Religion und Kultur des Islam zu geben. Ziel ist es, die als typisch zu bezeichnenden Gewohnheiten, Sitten und Rituale herauszuarbeiten und ihre flexible Auslegung im Alltag zu verdeutlichen.
In einer Begegnungssituation entstehen „kulturelle berschneidungssituationen dann, wenn es zu wechselseitigen Beziehungen zwischen Eigenem und Fremdem kommt. Zwischen dem Eigenkulturellen und dem als „fremd“ Empfundenen „entsteht ein Zwischenraum der Uneindeutigkeit, Vagheit und Neuartigkeit, der bedrohlich oder auch anregend wirken kann.
Alltagssprachlich ausgedrückt, liegen hier die `Fettnäpfchen´ bereit, in die man geraten kann, wenn man sich auf Fremdheit einlässt, aber zuwenig über sie weiß und nichts von ihren Merkmalen und Eigentümlichkeiten versteht.“ (Thomas u.a. 2003, S. 46 ff.)
Wichtig ist hervorzuheben, dass Identität in ihrem ursprünglichen Sinne jedoch immer schon nur ein Konstrukt zur Beschreibung der Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt war.
„Identitätsbildung“ ist einem fortwährenden Wandel unterworfen, ist Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft. Identität ist kein Persönlichkeitsmerkmal, das einmal erreicht,
unveränderlich ist, sondern eine Haltung, die in jeder Interaktionssituation neu gewonnen und behauptet werden muss.
Zum Verständnis einer Kultur brauchen wir Wissen. Doch was für ein allgemeines Wissen haben wir zur Religion und Kultur des Islam?
Bei der Entwicklung der Religionen stellen wir fest, dass sie über politische, gesellschaftliche und kriegerische Weise interagieren und sich gegenseitig beeinflussen.
Auch der heutige Islam ist das Produkt zahlreicher Symbiosen und entwickelte sich beeinflusst u.a. durch den jüdischen und den christlichen Glauben. Der Ausgangspunkt der Darstellung auf der Folie bezieht sich daher ausschließlich auf die drei abrahamitischen Religionen.
Es gibt verschiedene Rechtsschulen und Konfessionen im Islam, wie z.B.
•die hanefitische Rechtsschule, die u.a. in der Türkei, auf dem Balkan, in Afghanistan und in Pakistan;
•die hanbalitische Rechtsschule, die insbesondere in Saudi-Arabien;
•die schafitische Rechtsschule, die u.a. in der Türkei – unter den Kurden –;
•die malikitische Rechtsschule, die u.a. im Sudan und
•die schiitische Rechtsschule der 12er und der 7er Ismaeliten, die insbesondere im Iran dominant ist.
Die verschiedenen Konfessionen und Rechtsschulen konkurrieren untereinander. Die Konkurrenz resultiert aus den unterschiedlichen Deutungen des Koran oder der Hadithen
(Traditionen).
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Der Konfessions- und Deutungsunterschied verdeutlicht sich auf der einen Seite bei der wortwörtlichen Deutung und Auslegung des Koran (Gottes Wort) wie der Sunna (Worte des Propheten).
Der Koran bedeutet wortwörtlich „rezitieren“ bzw. „laut vorlesen / deutlich zum Ausdruck bringen“. Der Koran wurde in einem Zeitraum von mehr als 20 Jahren mündlich überliefert und war ursprünglich in arabischer Sprache verfasst. Das laute Lesen war damals und ist bis heute bei den Christen und Juden eine Vortragsart. Obwohl der Koran ein schriftlich niedergelegtes Buch ist, wird es bei zeremoniellen Anlässen wie auch zu allen anderen Gelegenheiten wie z.B. im Falle des Todes und bei Hochzeiten mündlich rezitiert.
Zahlreiche Islamexperten (wie Nasr Abu Zayd, Ilhan Arsel, Zekeriya Beyaz) weisen darauf hin, dass das größte Problem darin bestehe, dass sehr viele Gläubige genauso leben möchten wie es im Koran steht, da es das Wort Gottes sei („das geschriebene Wort“).
Sie weisen aber darauf hin, dass der Koran nicht wortwörtlich ausgelegt werden könne, da eine Auslegung ein Studium der Zeit vor dem Islam erfordere z.B. hinsichtlich der arabischen Kultur, der Arten von Strafen, der Zusammensetzung der Religionen, um zu wissen, dass beispielsweise Vielweiberei und das Hände-Abhacken schon vor dem Islam existierten.
Die Problematik der Auslegung und Interpretation des Koran wird auch darin deutlich, dass es auf der einen Seite offizielle Gelehrte gibt, die eine Interpretation vornehmen und Gefolgschaft beanspruchen, welche aber an Einfluss regional begrenzt bleiben, und auf der anderen Seite inoffizielle Personen wie z.B. Zarqawi, die eine „Fetwa“ erlassen, eine Gefolgschaft beanspruchen, welche aber einen regional umfassenden Anspruch erheben.
Der gesellschaftlichen Auslegungsmöglichkeit gesellt sich innerhalb der islamischen Religion noch zusätzlich der Umstand hinzu, dass es keine Institution gibt, die einheitlich für alle Muslime eine offiziell anerkannte Islam-Exegese bzw. Islam-Interpretation durchführt bzw. durchführen kann.
Aus der wortwörtlichen Auslegung heraus ergibt sich ein weiteres Problem, dadurch, dass einige Fundamentalisten den Jihad, d.h. den Aufruf zum heiligen Krieg, zur 6. Säule des Koran erklären. Dies ist insbesondere unter den Wahhabiten (sunnitisch) der Fall. Dabei bedeutete Jihad im ursprünglichen und wortwörtlichen Sinne „Lerneifer“ bzw. eine Bemühung und Anstrengung der Gläubigen auf dem Weg Gottes oder für die Sache Gottes, unter Einsatz von Hab und Gut. Diese Säule wird im Terrorismus benutzt, um Selbstmordattentäter zu rekrutieren.
Auf der anderen Seite existiert die innerliche Orientierung im Islam, die auch als Batini bezeichnet wird und in der islamischen Mystik (Sufismus) ihren Niederschlag findet.
Innerhalb des Islam unterscheiden sich die Rechtsschulen hinsichtlich ihrer sog. innerlichen (als batini bezeichnet) und der sog. äußerlichen (als zahiri bezeichnet) Orientierung.
Diejenigen, die das Äußerliche betonten waren auch optisch erkennbarer hinsichtlich bspw. ihres Bartwuchses, ihrer langen Kleidung, der Verschleierung der Frauen und diejenigen, die eher das Innerliche betonten, legten mehr Wert auf die persönliche Auslegung und Auslebung der Religion.
In der Richtung der Batini-Orientierung war und ist eine „eigenständige“ Auslegung und Formung neuer religiös-kultureller Symbiosen möglich. D.h. in dieser Entwicklungsrichtung hat es bis heute eine Symbiose z.B. mit dem Judentum, Hinduismus, Buddhismus, Christentum gegeben.