Almanya Alevi Birlikleri Konfederasyonu


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  • Interreligiöse Verständigung
    21-09-05

    VON: MÜRVET ÖZTÜRK


    "Workshop mit alevitisch-sunnitischen Jugendlichen und das Thema „interreligiöse Ehe“


    Â Einblicke aus zwei Wochenenden

     In zahlreichen Sendungen und Artikel diskutiert man über Integrationsprobleme junger Migrantenkinder, die in abgeschotteten Gruppen leben. Der niedrige Bildungsstand und die damit verbundene hohe Arbeitslosenzahl von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gelten oft als die Folgen. Schnell ist man sich in der Bewertung einig, dass die so genannten „Migranten“ in sich eine homogene Gruppe bildend, Parallelgesellschaften gegründet und sich von der hiesigen Mehrheitsgesellschaft bewusst abgegrenzt haben. Die Forderungen an die Migranten-Verbände, rasch die Integration ihrer Schützlinge zu fördern folgen dann meist. Der laute Ruf nach Dialog, scheint dann das Allheilmittel zu sein.

    Dass Migrantengruppen jedoch in sich nicht homogen sind, sondern allein innerhalb der türkischen „Community“ verschiedene ethnische und konfessionelle Identitäten vorhanden sind, wissen viele nicht. Oft begegnen diese sich ebenfalls mit Vorurteilen und meiden den Kontakt zueinander. Daher gilt es, den Dialog nicht nur zwischen der deutschen „Mehrheitsgesellschaft“ und den jeweiligen „Migrantengruppen“ zu führen, sondern auch einen Austausch innerhalb den z.B. türkisch-kurdischen, alevitisch-sunnitischen Mitbürgern zu organisieren. Denn nicht selten schlummert in diesen unbeachteten Zonen viel Konfliktpotenzial.

     Dialog jedoch kann nicht ad hoc funktionieren. Er braucht vielmehr eine Sensibilisierungsphase. Diskussionen sollten nicht nur über die Zielgruppe, sondern mit der Zielgruppe geführt werden. Aus all diesen Erfahrungen lernend, hat die Alevitische Gemeinde in Deutschland sich mit der Dialogfähigkeit und –bereitschaft türkischer Migrantenkinder befasst. Im Rahmen des aktuellen Entimon-Projekts wurden zwei Workshops zum Thema „interreligiöse Ehe“ durchgeführt. In diesen Workshops – mal gemeinsam mit alevitischen und sunnitischen Jugendlichen, mal nur mit alevitischen Jugendlichen – konnten sich Jugendliche über ihr Werteverständnis, ihre religiöse Einstellung, Urteile und Vorurteile gegenüber anderen Religionen und Konfessionen austauschen.

    Treff von Alevitischen und Sunnitischen Jugendlichen

    Jugendliche Im Alter von ca. 16-20 Jahren in Ludwigshafen kamen im Heinrich -Pesch-Haus zusammen und nutzen ein ganzes Wochenende dafür, durch Plan- und Rollenspiele ihre Vorstellungen von einer alevitisch-sunnitischen Ehe darzustellen. Gegenstand des Planspieles war das Ehevorhaben zweier fiktiver Personen Zeliha und Hüseyin. Das sunnitische Mädchen Zeliha, die gläubig ist, ein Kopftuch trägt, ihr Abitur machen und Medizin studieren möchte, hat einen alevitischen Freund, den sie bald heiraten will. Beide Familien sind sehr traditionsgebunden und wünschen sich eine innerkonfessionelle Ehe der Kinder. Die Hauptfiguren des Planspiels beschließen ihre Heirat und weihen ihre Eltern und Geschwister ein. Die Fortsetzung der Geschichte wurde den Jugendlichen überlassen. Wie konfliktreich die Eheabsicht ist, ob die Eltern und Geschwister dies akzeptieren oder ablehnen werden, konnten die Jugendlichen selbst nach ihren Einschätzungen bestimmten.

     Ein zweites Workshop-Wochenende im Haus Marienthal im Westerwald wurde dazu genutzt, mit weiteren alevitischen Jugendlichen im Alter von 15-18 Jahren das Thema „Vorurteile“ zu behandeln und zu definieren. Ein professioneller Trainer moderierte, strukturierte den Workshop und half bei der Definition des Begriffs „Vorurteile“. Die Jugendlichen formulierten Vorurteile, denen sie sich ausgesetzt fühlen, benannten aber auch die eigenen Vorurteile, die sie im Unterbewußtsein gegenüber den Anderen zu pflegen schienen. Im zweiten Teil des Workshops folgte das oben beschriebene Planspiel.

    Faßt man die Ergebnisse beider Workshops zusammen, so ist zu sagen, dass alevitische Jugendliche sich oft von sunnitischen Jugendlichen bevormundet, ausgegrenzt und falsch verstanden fühlen. Sie betrachten den sunnitischen Islam als radikal, ungerecht und veraltet. Umgekehrt assozieren sunnitische Jugendliche mit Aleviten Sittenwiedrigkeit, Ungläubigkeit, keine richtigen Muslime, Separatisten und Inzuchtbetreibende. Durch die Begegnung in den Workshops konnten manche dieser Ansichten nur vorsichtigt angekratzt werden. Von einem umfassenden Dialog jedoch konnte nicht die Rede sein. Wir stellten fest, dass für ein Dialog auf gleicher Augenhöhe umfassendere Vorarbeiten mit den Jugendlichen notwendig sind. Beide Workshops müssen daher als ein erster Schritt in die richtige Richtung betrachtet werden, denen auf jeden Fall weitere folgen sollten.

    Eindrücke der Jugendlichen zum Workshop im Haus Marienthal (alevitische Gruppe)

     Berkay (18), Ümit (18): „Es war gut, dass wir uns in der Gruppe kannten. Die Moderation durch Musa Dagdeviren war sehr gut, haben viel über Vorurteile gelernt. Haben festgestellt, dass wir auch Vorurteile über Sunniten haben. Auch die Grundinfos über das Alevitentum und Sunnitentum waren wichtig. Würden gerne mehr über das Alevitentum lernen. Wollen die eigene Religion nicht vernachlässigen. Die meisten Probleme sind eher mit den Erwachsenen. Jugendliche würden sich irgendwie verständigen, wenn nicht der Einfluß der Eltern und Erwachsenen wäre. Befürworten eine Ehe zwischen Aleviten und Sunniten nicht, weder bei uns selbst noch bei den Schwestern. Die Schwestern würden es auch selbst nicht wollen. Solche Workshops sollten öfters gemacht werden, das nächste Mal mit sunnitischen oder auch christlichen Jugendlichen. Wollen wissen, was sie über uns Aleviten wissen und denken.“

    Kader (14) und Duygu (15) „Dachten der Workshop wird langweilig, war aber total interessant. Konnten viel lernen und nachdenken. Haben Erfahrungen mit Vorurteilen in der Schule gehabt. Wurden von sunnitischen Mitschülern gefragt, warum wir nicht fasten, beten und kein Kopftuch tragen. Diskussionen enden immer im Streit. Mit sunnitischen Freundinnen verstehen wir uns solange gut, solange wir nicht über Religion reden. Sunnitische Jungs denken, wir seien leichte Mädchen bloß weil wir uns freier kleiden, das ärgert uns. Sollten mehr solcher Workshops durchführen und mehr über das Alevitentum lernen, damit man besser argumentieren und sich verteidigen kann. Eine Ehe mit einem sunnitischen Jungen hätte keine Chance, zu viele religiöse und kulturelle Unterschiede, die man nicht überwinden kann.“








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