VON: ISMAIL KAPLAN
Alevitische Positionen zum Dialog
innerhalb und außerhalb der eigenen Gemeinde
Das Alevitentum hat im Laufe der Geschichte eine Reihe von Grundwerten hervorgebracht, die zunächst in einer ganz eigenen Sprache formuliert worden sind, die aber – wenn diese Sprache -entsprechend übersetzt und verstanden wird, zur wesentlichen Grundlage eines gemeinsamen Dialogs werden kann.
„Kommt lasst uns eins sein“ (= Gelin canlar bir olalim) heißt es nach Pir Sultan Abdal, einem der größten Dichter und Gelehrten des Alevitentums aus dem 16. Jhd.
Einer der bedeutendsten Grundgedanken, einer der zentralen Werte der alevitischen Gemeinschaft ist: Einheit und das Einvernehmen der Gesellschaft, das Solidaritätsgefühl
Solidaritätsgefühl und Verhältnis zu den Mitmenschen wird in erster Linie durch ethische Gebote, der sogenannten Viertore- Lehre bestimmt:
a) eline = hüte deine Hand, nicht stehlen und keine Gewalt ausüben
b) diline= hüte deine Zunge, du sollst stets die Wahrheit sagen
b) beline = beherrsche deine Lenden; du sollst keinen Ehebruch begehen
Wichtig ist, dass jeder Mensch bereits im "Hier und Jetzt" danach strebt, mit seinem Mitmenschen im Einklang /Einvernehmen (RIZALIK genannt) zu leben.
Nach alevitischer Vorstellung trägt jeder Mensch, unabgängig von seiner ethnischen, religiösen, kulturellen oder geschlechtlichen Zugehörigkeit, einen göttlichen Aspekt in sich, was die Menschen einander gleichgestellt.
"Wir betrachten alle 72 Volksgruppen bzw. Religionsgemeinschaften als gleich (diese 72 Völker ist eine Metapher für alle Völker)"
Alevitische Wertvorstellung: Gleichheit unter den Menschen, die es ermöglicht, dass Frauen und Männer bei den religiösen Veranstaltungen, dem sogenannten Cem-Gottesdienst gemeinsam und gleichberechtigt am Gottesdienst teilnehmen
Im Vordergrund der Cem-Zeremonie steht das Erleben von Gemeinschaft, Gemeinschaft unter den Menschen und Gemeinschaft auch in geistiger Hinsicht .
Wichtige Grundlage: Einheit der Gemeinschaft nur dadurch gewährleistet, indem bestehende Konflikte oder Streitigkeiten zwischen den Teilnehmern im Laufe der Cem- Zeremonie mit Hilfe der religiösen Leiter, der sogenannten Dede, zur Sprache gebracht und schließlich zu einer Lösung geführt werden. Alevitische Cem- Zeremonie verfügt somit über natürlichen Mechanismus, um bestehende soziale Konflikte gemeinsam zu lösen
Was die Räumlichkeiten für die Cem- Zeremonie betrifft, so zeigen die Aleviten ein hohes Maß an Flexibilität. Nicht die Örtlichkeiten, sondern die Menschen sind hierbei wichtig. Gemeinschaft findet dort statt, wo Menschen einander begegnen und zusammenfinden
Cem- Zeremonien in Deutschland sind keine Veranstaltungen, die nicht wie in Anatolien im Verborgenen stattfinden; im Gegenteil "Nicht-Aleviten" und Fremde sind willkommen und werden im Zuge ihrer Teilnahme in die Gemeinschaft integriert.
Aleviten verfügen somit selbst über eigenständige Formen der Integration und eine grundlegende Dialogbereitschaft mit dem „Fremden“
Wichtiger Bestandteil der Cem-Zeremonien sind Sprache und Musik. Zumeist in türkischer Sprache vorgetragenen Gebetshymnen und Gedichte werden teilweise durch ein traditionelles Musikinstrument, dem sogenannten saz = Langhalslaute) begleitet.
Der sogenannte "semah" ist der Höhepunkt eines jeden Cem: zeremonieller Gang bzw. Tanz; der nur aus freien Willen von Frauen und Männern gemeinsam im Kreis begangen wird. Semah stellt einen universellen Bezug her und symbolisiert Einheit der Gemeinschaft, unabhängig von geschlechtlicher, ökonomischer, sozialer oder kultureller Zugehörigkeit
Darauf wird hier besonders hingewiesen, dass die alevitische Gemeinschaft im Laufe ihrer Geschichte eine Reihe von eigenständigen gesellschaftlichen und kulturellen Grundwerten hervorgebracht hat, Grundwerte, die sich, nicht als Hindernis, sondern gerade als Grundlage für einen offenen und gleichberechtigten Dialog erweisen können
Eine Auseinandersetzung mit diesen Werten kann zu der Einsicht führen, dass die Anerkennung sowohl der Gemeinsamkeiten als auch der Unterschiede eine wesentliche Grundvoraussetzung für einen gesamt-gesellschaftlichen Konsens darstellt
Hier wird besonders auf die Arbeit der alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) verweisen, die auch den interreligiösen, interkulturellen und gesamt-gesellschaftlichen Dialog im Blickfeld hat. Als ein geeignetes Buch (Handbuch Interreligiöser Dialog) zum interreligiösen Dialog hat die AABF im Jahre 2006 herausgegeben, die auch per e-mail "info@alevi.com" angefordert werden kann. Aufgrund dieser Arbeit wurde die AABF durch den Bundespräsidenten als "Ausgewählter Ort 2007" gewürdigt.