Asure- Verteilung am 04. Februar 2007 vor dem Kölner Dom
Alevitische Feste und Andachten (im Jahre 2007) und interreligiöse Bemerkungen
Opferfest (31.12. -03. Januar 2007, jedes Jahr zehn Tage früher)
Das Opferfest wird von einem Teil der Aleviten als Dankbarkeit gegenüber Gott für seine Gnade und Barmherzigkeit gefeiert. Aleviten feiern dieses Fest mäßig und schlachten nicht immer ein Opfertier, sondern zeigen ihre Dankbarkeit und Opferbereitschaft auch durch andere Dienste z. B. in einem Cem- Gottesdienst.
In Deutschland feiern die alevitischen Gemeinden dieses Fest - meistens mit den Kindern- in einem großen Saal. Bevor das an alle gleichmäßig verteilte Essen gemeinsam gegessen wird, fragt der Geistliche die Gemeinde nach dem Einverständnis aller Beteiligten, ob es Streitigkeiten unter den Gemeindemitgliedern gibt. Das vorbereitete Festmahl wird bei diesem Fall gemeinsam - oft mit der Familie, den Weggefährten und Nachbarn - gegessen. Dieses Fest ist für die Aleviten ein Anlass, an Arme und Bedürftige zu denken und ihnen zuzuwenden.
Dieses viertägige Fest ist beweglich und wird, da es vom Mondkalender bestimmt wird, im Folgejahr immer zehn Tage vorgezogen. Es erinnert an Abraham (türk. Ibrahim) und an seine Bereitschaft, seinen Sohn Ismail zu opfern.
Für finanzstarke Familien in der Türkei ist der Höhepunkt des Opferfestes das traditionelle Festmahl, für das ein Schaf nach einem bestimmten Ritual geschlachtet wird.
Moharrem - Fasten (20.01- 31.01.2007, jedes Jahr zehn Tage früher)
Das Moharrem-Fasten wird laut arabischem Kalender jedes Jahr zehn Tage früher als im Vorjahr abgehalten. Da sich das Fasten nach dem arabischen Kalender orientiert, ist die Fastenzeit beweglich (Beginn: 20 Tage nach dem 1. Opferfesttag).
Durch die zwölftägige Trauerzeit zeigen die Aleviten ihre Verbundenheit mit dem Imam Hüseyin, der im Jahre 680 n. Chr. in Kerbala ermordet wurde. Um seinen Leidensweg nachzuempfinden, wird bei der Trauer gefastet und Enthaltsamkeit ausgeübt. Später wurden auch weitere Nachkommen der Prophetenfamilie (ehl-i beyt) von der Omaijadendynastie ermordet. Zu Ehren weiterer Imame wird deshalb zwölf Tage gefastet.
Die beispiellose Widerstandsleistung von Imam Hüseyin gegen die Ungerechtigkeit nimmt in Anatolien bei der Erziehung der Kinder einen großen Platz ein. Imam Hüseyins Widerstand gegen die Ungerechtigkeit bzw. sein Gerechtigkeitssinn wird den alevitischen Kindern in Form von ethischen Maximen gelehrt. Jedes Jahr gedenken die Aleviten dem Martyrium von Kerbala, wobei Yazid I. verflucht wird. Sie danken Gott dafür, dass Imam Zeynel Abidin Kerbala überleben konnte und somit die Nachkommenschaft Alis - das Weiterleben des heiligen Wissens - sicherte. Im Gegensatz zu iranischen Schiiten fügen sich die anatolischen Aleviten im Monat Moharrem keine körperlichen Schmerzen zu, und stellen das Martyrium von Kerbala nicht als Schauspiel dar.
Aleviten setzen das Moharrem- Fasten mit Kerbala, Fasten und Trauer gleich. Das Nachempfinden von Kerbala im Monat Moharrem ist für die Gläubigen einer der wichtigsten Grundpfeiler. Das Fasten ist keine absolute Pflicht, aber je nach körperlicher Verfassung und persönlichen Umständen beträgt es zwölf Tage. Nach dem Abendessen wird nichts mehr gegessen und getrunken bis nach Sonnenuntergang des folgenden Tages. Das Essen am Abend ist dann sehr einfach und nicht übermäßig, denn die Enthaltsamkeit ist immer der zentrale Punkt.
Es wird in keiner Form Fleisch verzehrt; man achtet sehr darauf, dass kein Blut fließt. Streitigkeiten werden vermieden, Gefühle anderer werden nicht verletzt, keinem Lebewesen wird Leid zugefügt, auch die Natur wird dementsprechend behandelt (nichts abbrechen, nichts schneiden). Man hält sich von jeglichem Vergnügen fern (keine Hochzeit, Verlobung, usw.). Man flucht nicht, hält sich von Tratsch fern, man lebt im Einvernehmen mit den Nachbarn und anderen Menschen.
Während der Fastenzeit kommen die Mitglieder der Gemeinde zum Fastenbrechen im Cem-Haus zusammen. Mindestens ein Geistlicher ist immer anwesend und beantwortet Fragen zum Thema. Das Gemeinschaftsgefühl wird dadurch verstärkt.
AÅŸure (01.02.2007 beendet immer das Moharrem- Fasten)
Nach 12-tägigem Moharrem- Fasten wird eine Süßspeise (Aşure) gekocht und als Symbol der Dankbarkeit unter Bekannten, Verwandten und Nachbarn verteilt und gemeinsam gegessen. Aleviten bringen mit aşure ihren Dank zum Ausdruck, dass Zeynel Abidin, der Sohn von Imam Hüseyin aufgrund seiner Krankheit das Massaker von Kerbala überlebte.
Aşure ist eine - aus zwölf verschiedenen Zutaten bestehende - Süßspeise. Die Zutaten können variieren, aber sie müssen zwölf an der Zahl sein, denn diese symbolisieren die 12 Imame. Es sind z. B. Weizen, Bohnen, Saubohnen, Kichererbsen, Kastanien, Haselnüsse, Pistazien, Mandeln, Sultaninen, Feigen, Aprikosen und Walnüsse.
Die alevitischen Gemeinden feiern den Aşuretag sowohl am 01.02.2007 in den Gemeindehäusern als auch an öffentlichen Plätzen. Aufgrund des Arbeitstages wird die Süße Speise ASURE in diesem Jahr am 04.02.2004 vor dem Kölner Dom an die Passanten und Besucher verteilt.
Alevitische Ortsgemeinden informieren die deutsche Öffentlichkeit über diese Feier. Aleviten nehmen das Aşure- Fest als ein Anlass zum interreligiösen Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften.
13.-15. Februar: Hızır-Fasten (Hızır orucu)
Jedes Jahr wird die zweite Februarwoche als die „Woche von Hızır“ gefeiert. Hızır (Chidir, Chadhir, Khizer) ist der unsterbliche Heiliger und Schutzpatron. Er kommt allen in der Not zur Hilfe. Er wird mit den Worten „Eile herbei Hızır!“ gerufen. Aleviten glauben daran, dass die Heiligen Brüder Hızır und Ilyas als Propheten gelebt und das so genannte „Wasser zur Unsterblichkeit“ getrunken haben, um den Suchern und Wanderern auf dem mystischen Pfad zu helfen. Nach diesem Glauben kommt Hızır am Land und Ilyas auf dem Meer zur Hilfe. Sie helfen allen bzw. retten alle, die in Not geraten sind und „von ganzen Herzen“ um Hilfe rufen. Sie bringen den Menschen Glück und Wohlstand. Nach einer Erzählung soll Hızır das erste Mal von Gefährten Noahs zur Hilfe gerufen worden sein und das mit Menschen voll beladene Schiff bei der Seekatastrophe geschützt haben. Nachdem das Schiff die dreitägige Katastrophe überstanden hatte , sollen die Geretteten drei Tage lang gefastet haben, um Hızır ihre Dankbarkeit zu beweisen.
In Anatolien stellt man sich Hızır als einen weißbärtigen Mann auf einem Schimmel vor, den man mit den Worten „Eile herbei lieber Hızır! „ ruft. Im Volksmund wird er `Auf dem Schimmel reitender Hızır´ „bozatlı hızır“ genannt und über ihn werden zahlreiche Geschichten erzählt. Hier stellt man eine Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Weihnachtsmann Santa Claus fest.
In der Hızır- Woche bereitet man am Abend eine spezielle Speise (kavut) aus Weizen und Wasser vor, die über Nacht ruht. Jedes Familienmitglied wünscht sich etwas Besonderes. Man glaubt, dass die Wünsche in Erfüllung gehen, wenn Hızır über Nacht ein Zeichen (Segen) auf den Speisen hinterlässt. Diese Speisen werden am nächsten Tag an die Nachbarn verteilt. Jeder möchte alle Speisen kosten, damit sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, die Speise zu erwischen, die der Hızır gesegnet hat.
Hızır als Begriff nimmt einen großen Platz im Alltag ein. Viele Aleviten legen ihre Gelöbnisse im Namen von Hızır ab und bitten um etwas im Namen von Hızır. „Hızır sei Dank“, „Hızır möge kommen“, „Es möge das Mahl von Hızır sein“ u. a. sind einige bekannte Sprüche. In manchen Gegenden wird Kindern, Bergen, Seen, Wegen u. a. der Name Hızır gegeben. Es gibt sogar ein religiöses Semah-Rituale Namens „Hızır semahı“.
Auch in Deutschland bereiten sich die alevitischen Gemeinden für diese Feier vor. Die Räumlichkeiten werden gründlich gereinigt bzw. geputzt. Man glaubt, dass Hızır die ordentlichen und sauberen Orte besucht. Die alevitischen Ortsgemeinden organisieren in Deutschland während der Fastenzeit mindestens ein Gottesdienst (Hızır cemi) in den Cemhäusern, wobei die Hızır- Zeremonie im Mittelpunkt steht.
In dieser Woche wird von Dienstag an drei Tage lang gefastet. Am letzten Tag wird in der Wohnung und vor der Haustür für die Feier geputzt. Am Abend werden die vorbereiteten Speisen an den heiligen Gedenkstätten bzw. Cemhäusern mit allen Besuchern gemeinsam verspeist. Am Freitagabend werden auf den Friedhöfen in der Umgebung Kerzen angesteckt und zu Hause den Kindern Geschichten von Hızır erzählt.
21. März: Geburtstag von Heiligen (Hz.) Ali
Ali als Heiliger gehört zum Glaubensbekenntnis der Aleviten: „Es gibt keinen Gott außer Gott, Mohammed ist der Gesandte Gottes und Ali ist der Freund Gottes“. Aleviten glauben, dass Ali als Heiliger geboren wurde im Neujahr (Nevruz), am 21. März 598 n. Ch. in Mekka. Aus diesem Grund feiern Aleviten den 21. März als den Geburtstag des Heiligen Ali.
Ali war der Vetter des Propheten Hz. Mohammed und durch seine Ehe mit Fatima der Tochter des Propheten auch dessen Schwiegersohn. Hz. Ali und Fatima hatten zwei Söhne, Hasan und Hüseyin. Schon als Zehnjähriger soll er dem Propheten im Glauben gefolgt sein. Nach der Ermordung Othmans, der den bis dahin mündlich überlieferten heiligen Koran hatte aufschreiben lassen, wurde Ali in Medina zum vierten Kalifen gewählt. Gegen diese Wahl rebellierten Verwandte des Othman in Syrien. In den dann folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen unterlag Ali und musste sich nach Kufa im Irak zurückziehen, wo er 661 ermordet wurde.
Ali wurde schon als Einjähriger von Mohammed erzogen und er unterstützte Mohammed bei der Verkündung und Verbreitung des Ursprungsislam. Sein Gedankengut wurde später in zwei Büchern zusammengefasst: Nehc-ül Belaga und Divan-i Ali. Ali trat in seinem Leben für Gerechtigkeit und für ein unverfälschtes Wissen ein. Aus diesem Grund nennt man ihn das „Tor des heiligen Wissens“..
Der 21. März wird in den alevitischen Gemeinden als Gedenktag gefeiert. Sie organisieren am Abend ein gemütliches Beisammensein (muhabbet) und dabei wird das Leben von Heiligen Ali und seine Lehre vorgetragen, sowie seine Bedeutung in der Gegenwart herausgearbeitet.
5/6. Mai: Tag des Hızır Ilyas (Hıdırellez)
Nach der Sage treffen sich Hızır (Schutzengel am Land) und Ilyas (Schutzengel auf dem Meer) in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai auf der Erde. In dieser Nacht werden Himmel und Erde eins und die Kraft der Schöpfung offenbart sich. Man glaubt, dass Hızır und Ilyas das so genannte Wasser zur Ewigkeit (ab-u hayat) tranken. Aus diesem Glaube heraus bitten viele Menschen an diesem Tag Gott um Gesundheit und Genesung. Am 6. Mai werden verschiedene Teigwaren gebacken und mit den Nachbarn geteilt.
6.-7. Juni: Gedenkfest für Abdal Musa
Es wird jährlich am ersten Juni-Wochenende im Dorf Tekke bei Elmalı/ Antalya an die Freigiebigkeit (cömertlik) von Abdal Musa gedacht und gefeiert. Abdal Musa war ein Schüler von Hacı Bektaş Veli und stammte aus dem Ort Khoy im Iran. Er lebte im 13./14. Jh. und spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau der Janitscharen- Truppen (türk. Yeniçeri). In Deutschland veranstalten alevitische Gemeinden Informationsabende zu Abdal Musa. Manche Gemeinden organisieren Cem- Gottesdienste zur Andacht von Abdal Musa.
2. Juli 2007: Andacht an Sivas- Massaker (02.Juli 1993)
(Für ausführliche Information, Siehe Stimme der Aleviten Nr. 86, 07/2005)
16.-18. August: Feier zur Andacht von Hacı Bektaş Veli
Diese Feier findet jedes Jahr vom 16.-18. August in der Stadt Hacıbektaş, 100 km südlich von Ankara mit verschiedenen kulturellen Veranstaltungen statt, wie z.B. mit Vorträgen, Konzerten und religiösen Zeremonien (Cem-Gottesdienst) und Semah-Rituale.
Hacı Bektaş Veli war der Gründer des anatolischen Alevitentums. Das Wort „Bektaşi“ leitet sich von seinem Namen ab. Er ist nach der Überlieferung im Jahre 1209 in Horasan bei Nişabur (im Iran) geboren und aus der Familie vom Mohammed- Ali (Evlad-ı Resul) in der 17. Generation abstammen. Er soll in Turkistan von Hoca Ahmet Yesevi unterrichtet worden sein. Dadurch kam Hacı Bektaş Veli mit der islamischen Mystik in Berührung. Hacı Bektaş soll durch Lokman Perende, einem Gefolgsmann von Ahmet Yesevi, beauftragt worden sein, das mystische Gedankengut unter den Menschen, unabhängig von ihrer Abstammung, in Anatolien zu verbreiten. Durch seine Toleranz, Menschenliebe, Weisheit und Wunderkraft fand er einen regen Zulauf bei der Bevölkerung in Anatolien, die durch die damaligen seldschukischen Herrscher und Feldherren unterdrückt wurden. Hacı Bektaş war der Erlöser dieser Unterdrückten und verfolgten Menschen in Anatolien; denn seine Lehre war zugleich die Lebensweise der Armen. Einige seiner Sprüche:
• Betet nicht mit den Knien, sondern mit den Herzen.
• Das wichtigste Buch das zu lesen ist, ist der Mensch.
• Glück ist, wer die Gedankenfinsternis erhellt.
• Was du suchst, suche es in dir selbst.
10. Oktober 2007: Todestag vom Heiligen Hüseyin
10 Oktober 680 wird als Todestag von Heiliger Hüseyin angenommen und er wird von vielen Aleviten neben Muharrem- Fasten auch an diesem Tag angedacht.
Interreligiöse Bemerkungen:
Es gibt religiöse Feste, die in mehreren Religionen zu finden sind. Diese Gemeinsamkeiten sollten ausgearbeitet werden. Die Nikolaus-Feier und die Hidir-Ellez-Feier haben bestimmte gemeinsame Züge, obwohl sie in verschiedenen Tagen gefeiert werden.
Die Religionsgemeinschaften können im Rahmen des interreligiösen Dialoges Informationen zu diesen Feste zusammenstellen und gegebenenfalls gemeinsam feiern. Die türkischen Kulturinstitute in der Türkei unterstützen sogenannte Glaubenssehenswürdigkeiten (inanç turizmi).
In den letzten Jahren entwickelt sich eine interreligiöse Wallfahrt in die Türkei, wo Ephesus, Antonius Kirche, sowie Hacibektas-Kloster besucht werden. Religionsgemeinschaften können sich bei der Gestaltung der Studienreisen gegenseitig unterstützen.
In Deutschland sollten die Kinder in der Schule über die Feste ihrer Schulfreunde informiert werden und soweit es geht, sich an den Festlichkeiten beteiligen. Die Eltern würden auch von einem solchen Austausch profitieren.