Pionierarbeit: Ein wertvolles Buch zum Alevitentum

Pionierarbeit: Ein wertvolles Buch zum Alevitentum
Buchbesprechung von Agata Skopp
Ismail Kaplan : “Das Alevitentum. Eine Glauben- und Lebensgemeinschaft in Deutschland“. Herausg. Alevitische Gemeinde Deutschland e. V. März 2004.
“Von der 68 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung in der Türkei bezeichnen sich über 20 Millionen Menschen türkischer, turkmenischer, kurdischer und arabischer Herkunft als Aleviten. In Deutschland wird die Zahl der Aleviten auf ca. 700 000 geschätzt“ (I. Kaplan, Das Alevitentum, S. 14 ).
Der in Köln lebende und als Lehrbeauftragter in der Föderation der Alevitischen Vereinigungen Deutschlands wirkende Autor, macht mit dem oben zitierten Fragment ( das auch den Anfang des ersten Kapitels seines Buches darstellt ) dem Leser bewusst, dass das Alevitentum keine marginale Erscheinung ist, sondern ein weit verbreitetes Phänomen sowohl in der Türkei – als auch unter den türkischen Migranten in Deutschland.
Trotz solchen Ausmaßes hat das Thema bis heute weder in der deutschen wissenschaftlichen Literatur, noch im populären Schrifttum viel Platz gefunden.
Um so wertvoller ist das Buch von Ismail Kaplan, das man als eine Pionierarbeit auf dem Feld der deutschsprachigen populär – wissenschaftlichen Abhandlungen bezeichnen kann.
Neben den historischen - von Kaplan sehr systematisch geordneten Angaben über die Entwicklung des Alevitentums und ihre wichtigsten Persönlichkeiten wie den heiligen Ali, Yunus Emre oder Haci Bektas Veli, führt uns der Autor in die reiche Welt der geistlichen Kultur der Aleviten – in die Sphäre der Musik, der Dichtung und der religiösen Rituale. Einen anderen Aspekt des Abrisses bildet die sozio – politische Problematik der in der Türkei und in Deutschland lebenden alevitischen Bevölkerung.
Sehr interessant ist auch das von Kaplan gewählte methodologische Konzept des Buches. Er beschreibt das Thema aus zwei Perspektiven: als Alevite zeigt er es “von innen“ auf eine emotionale Weise. Er nimmt aber auch die Stellung eines Außenseiters ein. Mit wissenschaftlicher Distanz und Kompetenz “interpretiert“ er das Alevitentum und deutet auf Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Aleviten, Christen ( er vergleicht z. B. die Cem – Zeremonie mit der heiligen Messe) und den Sunniten.
Eine sehr passende Ergänzung stellen die teilweise von dem Autor, teilweise von anderen Personen (u.a. von der berühmten Orientalistin Annemarie Schimmel ) übersetzten Gedichte der bekanntesten alevitischen Dichter dar. Die philosophisch – religiöse Dimension der Poesie in der von Kaplan beschriebenen Kultur werden durch diese Beispiele sehr deutlich gezeigt.
Trotz bescheidenen Formats ist das Buch ein empfehlenswertes Kompendium über die Kultur, Religion, Tradition und die heutige Situation der Aleviten in Deutschland und in der Türkei. Kaplan formuliert nicht nur auf eine sehr präzise Weise seine Gedanken, sondern auch die Form und der Inhalt des Abrisses sind von ihm sehr gut durchdacht.
Sehr suggestiv ist auch die am Anfang des Buches stehende Widmung: “ Zum Gedenken an die Opfer des Sivas – Massakers am 2. Juli 1993“. 
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